Yi Jing und die Kunst der Wandlung im Shiatsu: Wo stehe ich – und was bewegt sich gerade?
Yi Jing und Shiatsu: Über die Kunst der Wandlung
Manchmal brauchen wir keine schnelle Antwort. Vielleicht brauchen wir zunächst eine andere Art, die Frage zu betrachten.
- Wo stehe ich gerade?
- Womit stehe ich in Beziehung?
- Was nährt mich?
- Was begrenzt oder reguliert mich?
- Was ist jetzt an der Zeit?
- Und wo möchte etwas in Bewegung kommen?
Diese Fragen begleiten mich auch im Shiatsu. Denn unser Körper ist kein statisches Gebilde. Unsere Energie, unsere Bedürfnisse und unsere Fähigkeit, mit dem Leben in Beziehung zu treten, verändern sich.
Manchmal braucht es Bewegung. Manchmal Rückzug. Manchmal eine klare Grenze. Und manchmal einfach einen Moment, in dem wir still genug werden, um wahrzunehmen, was eigentlich schon längst in Bewegung ist.
Eine jahrtausendealte chinesische Tradition beschäftigt sich genau mit dieser Idee: das Yi Jing – das Buch der Wandlungen.
Das Yi Jing: eine Welt in Bewegung
Das Yi Jing gehört zu den ältesten und einflussreichsten Texttraditionen Chinas. In seinem Zentrum steht ein Gedanke, der erstaunlich zeitlos ist:
Leben ist Wandlung.
Seine 64 Hexagramme bestehen aus jeweils sechs durchgezogenen oder unterbrochenen Linien – Yang und Yin. Sie bilden unterschiedliche Konstellationen ab und wurden über Jahrhunderte sowohl philosophisch als auch als Orakel- und Reflexionssystem interpretiert.
Dabei geht es nicht einfach darum, einer Situation ein festes Etikett zu geben. Interessanter ist die Frage:
Welche Kräfte wirken gerade miteinander – und wohin kann sich eine Situation entwickeln?
In der Han-Zeit entwickelte der Gelehrte Jing Fang (77–37 v. Chr.) eine besondere Systematik. Er ordnete die 64 Hexagramme in acht sogenannte Paläste und verband die Struktur der Hexagramme mit einer kosmologischen Betrachtung von Yin und Yang und den Fünf Wandlungsphasen.
Daraus entwickelte sich die Tradition, die heute unter anderem als Na Jia (納甲) beziehungsweise Liu Yao (六爻 – Sechs Linien) bekannt ist. Dabei werden den einzelnen Linien weitere Qualitäten wie Himmelsstämme, Erdzweige und Wandlungsphasen zugeordnet. Auch Shì und Yīng – Selbst und Gegenüber – erhalten innerhalb des Hexagramms bestimmte Positionen.
Das ist ein komplexes traditionelles System. Für unseren heutigen Impuls möchte ich daraus jedoch etwas sehr Einfaches mitnehmen:
Veränderung lässt sich betrachten, bevor wir versuchen, sie zu steuern.
Sechs Fragen über Veränderung
Was geschieht, wenn wir diese alte Denkweise nicht als Vorhersage verstehen, sondern als Einladung zum Wahrnehmen?
Dann entstehen sechs wunderschöne Fragen.
1. Wo stehe ich? – Shì
Bevor wir fragen, wohin wir gehen sollen, könnten wir zunächst fragen:
Wo bin ich eigentlich?
Nicht nur gedanklich.
- Wie stehe ich da?
- Wie atme ich?
- Wie fühlt sich mein Bauch an?
- Bin ich weit oder eng?
- Gesammelt oder zerstreut?
Im Shiatsu beginnt vieles genau hier: mit Wahrnehmung.
Nicht mit dem Wunsch, etwas sofort verändern zu müssen.
2. Womit stehe ich in Beziehung? – Yīng
Shì steht im Na-Jia-System dem Yīng, dem Gegenüber beziehungsweise der antwortenden Position, gegenüber. Die beiden Linien liegen in einer festgelegten Beziehung zueinander.
Und auch wir existieren nicht isoliert. Wir stehen in Beziehung zu Menschen, Aufgaben, Erwartungen, Orten – und zu unserem eigenen Körper. Deshalb lautet die zweite Frage:
Was begegnet mir gerade – und wie antworte ich darauf?
Vielleicht verändert sich dadurch bereits der Blick auf eine Situation.
3. Welche Grundqualität prägt die Situation? – Wuxing
Hier begegnen wir einer Lehre, die auch im Shiatsu vertraut ist: den Fünf Wandlungsphasen.
🌳Holz: Bewegung und Entfaltung
💓Feuer: Wärme und Verbindung
🌾Erde: Mitte und Nahrung
⚪Metall – Klarheit und Loslassen
🌊Wasser – Tiefe und Regeneration
Im System Jing Fangs gehört jeder der acht Paläste einer dieser Wandlungsphasen an. Die spannende Frage lautet für mich deshalb nicht:
Welches Element bin ich? Sondern:
Welche Tiefe braucht diese Situation gerade?
4. Was nährt mich – und was reguliert mich? – Shēng und Kè
Die Fünf Wandlungsphasen existieren nicht nebeneinander. Sie stehen miteinander in Beziehung.
Im Shēng-Zyklus nähren und unterstützen sie einander. Im Kè-Zyklus kontrollieren und regulieren sie einander.
Beides gehört zu einem lebendigen System.
Auch für uns ist deshalb nicht nur interessant, was uns Kraft gibt. Manchmal brauchen wir ebenso eine Grenze. Eine Pause. Ein Nein. Oder etwas, das eine Bewegung wieder in ein gesundes Maß zurückführt.
Vielleicht lautet die Frage also:
Was zentriert mich gerade – und was hilft mir, mein Maß zu finden?
5. Was ist jetzt an der Zeit?
Na Jia bezieht auch Zeitqualitäten ein. Monat und Tag spielen bei der traditionellen Beurteilung der Linien eine Rolle. Dahinter liegt für mich ein Gedanke, der weit über das Orakelsystem hinaus interessant ist:
Nicht jede Zeit verlangt dasselbe von uns.
Die Natur kennt Wachstum und Rückzug. 🍂🍃
Aktivität und Ruhe. 🌳🌾
Öffnung und Verdichtung. 🌊
Vielleicht müssen auch wir nicht jederzeit produktiv, verfügbar, mutig, kommunikativ und voller Energie sein. Manchmal besteht die angemessene Bewegung gerade darin, nicht weiter nach vorne zu drängen.
6. Wo findet Veränderung statt?
Ein Hexagramm kann sogenannte bewegte Linien enthalten. Eine Yin-Linie wandelt sich zu Yang oder eine Yang-Linie zu Yin; daraus entsteht ein zweites Hexagramm, das in der Divination als resultierende Konstellation gelesen wird.
Diesen Gedanken finde ich besonders schön. Denn vielleicht muss sich gar nicht alles verändern. Vielleicht gibt es nur eine Stelle in unserem Leben oder in unserem Körper , die gerade nach Bewegung fragt. Eine Schulter, die nicht mehr alles tragen möchte.
Ein Atemzug, der tiefer werden will. Eine Grenze, die ausgesprochen werden möchte. Eine Entscheidung, die längst spürbar ist. Oder eine Müdigkeit, die nicht ignoriert, überwunden, sondern gehört werden möchte.
Wo möchte etwas in Bewegung kommen?
Und was hat das mit Shiatsu zu tun?
Na Jia ist keine Methode des ShenDo Shiatsu. Und die traditionellen Deutungssysteme des Yi Jing sollten nicht mit einer medizinischen Diagnose verwechselt werden.
Mich interessiert etwas anderes daran.
Shiatsu lädt uns ebenfalls dazu ein, wahrzunehmen, bevor wir bewerten.
Wir begegnen dem Menschen nicht als etwas Starrem. Wir begegnen einem lebendigen System – mit Bewegung und Ruhe, Spannung und Weite, Fülle und Leere, Verbindung und Abgrenzung.
Vielleicht liegt genau darin die schöne Verbindung zwischen diesen beiden Welten:
Nicht sofort fragen: Was muss ich ändern?
Sondern zunächst: Was ist da – und was beginnt sich bereits zu wandeln?
Ein kleiner Do-In-Impuls für diese Woche
Nimm dir zwei Minuten. Stell beide Füße bewusst auf den Boden oder setze dich bequem hin. Lege eine Hand auf dein Hara, den Bereich unterhalb des Bauchnabels.
Atme ruhig ein. Atme langsam aus.
Und stelle dir nur eine Frage:
Wo stehe ich gerade?
Versuche nicht, sofort eine Antwort zu finden. Spüre zunächst.
- Wie stehst oder sitzt du?
- Wo ist Weite?
- Wo Spannung?
- Wo Bewegung?
- Wo Ruhe?
Vielleicht kommt ein Gedanke. Vielleicht ein Gefühl. Vielleicht gar nichts. Auch das ist eine Wahrnehmung.
Du musst noch nirgendwohin.
Beginne dort, wo du bist.
Six Spirits – Six Fridays
Mit diesem Gedanken beginnt in der kommenden Woche eine kleine Reise.
In der Na-Jia-/Liu-Yao-Tradition begegnen uns sechs symbolische Geistwesen – die Liu Shen (六神). Sie geben den Linien eine zusätzliche symbolische Qualität.
In den kommenden sechs Wochen widmen wir jeden Freitag einem von ihnen – und verbinden die traditionelle Symbolik behutsam mit einer Frage, die wir in den Körper und in unseren Alltag mitnehmen können.
Wir beginnen mit dem Beitrag über:
shiatsu-krefeld.com/shiatsu-und-der-azure-dragon-im-holzelement-was-moechte-in-dir-wachsen/">Azure Dragon · Qīng Lóng 青龍 · Holz
und der Frage:
Was möchte in mir wachsen?
Sechs Wesen.
Sechs Wochen.
Sechs Fragen.
Nicht, um die Zukunft vorherzusagen. Sondern vielleicht, um der Gegenwart etwas genauer zuzuhören.
ShenDo Shiatsu. 💛
Berührung, die bewegt.
Fünf Fragen zum Vertiefen
Was verbindet das Yi Jing mit der Idee von Veränderung?
Das Yi Jing, das Buch der Wandlungen, betrachtet Situationen als dynamische Konstellationen von Yin und Yang. Seine 64 Hexagramme stehen für unterschiedliche Zustände und Wandlungsprozesse. Dadurch richtet sich der Blick nicht nur auf das, was gerade ist, sondern auch auf mögliche Veränderung.
Was sind die Fünf Wandlungsphasen und welche Rolle spielen sie im Shiatsu?
Die Fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser beschreiben unterschiedliche Qualitäten und Beziehungen innerhalb eines dynamischen Systems. Auch im Shiatsu dienen sie als traditionelle Landkarte, um körperliche, emotionale und energetische Zusammenhänge wahrzunehmen.
Was bedeuten Shì und Yīng im Na-Jia-System?
Shì (世) bezeichnet vereinfacht die Position des Selbst beziehungsweise des Fragenden, Yīng (應) die korrespondierende Position des Gegenübers oder der Situation. Gemeinsam lenken sie die Aufmerksamkeit darauf, dass wir uns und eine Situation immer auch in Beziehung betrachten können.
Gehört Na Jia zum ShenDo Shiatsu?
Nein. Na Jia beziehungsweise Liu Yao ist eine traditionelle chinesische Methode der Yi-Jing-Divination und keine Methode des ShenDo Shiatsu. In diesem Beitrag dient sie als Inspiration für Fragen zu Wahrnehmung, Beziehung und Veränderung – nicht als medizinisches Diagnoseverfahren.
Wie kann ich die Idee der Wandlung im Alltag körperlich erfahren?
Eine einfache Möglichkeit ist eine kurze Do-In- oder Achtsamkeitspause: Füße wahrnehmen, eine Hand auf das Hara legen, ruhig atmen und zunächst nur fragen: „Wo stehe ich gerade?“ Statt sofort nach einer Lösung zu suchen, wird zuerst wahrgenommen, was im Körper und im eigenen Erleben präsent ist.
Der ersten Beitrag der Reihe, der shiatsu-krefeld.com/shiatsu-und-der-azure-dragon-im-holzelement-was-moechte-in-dir-wachsen/">Azure Dragon fliegt hier


